Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Schwäche

Mai 21, 2008

Nun hat es sich doch tatsächlich ergeben, dass M. plant, aus ihrem Geschäft auszusteigen und wieder eine Stelle in ihrem gelernten Beruf anzunehmen. Der Traum von gestern lässt grüßen. Meine erste Reaktion darauf war, dass ich mich wie von einer Last befreit fühlte. Auch dies ein Zeichen dafür, wie sehr ich mich davon hatte involvieren lassen.

Diese Sache zeigt mir aber vor Allem, wie wenig ich im besten Sinne des Wortes unabhängig bin. Ich schlittere von einer Fremdgeschichte in die nächste, immer getragen von einem Gefühl der vermeintlichen Verantwortlichkeit. Dass das alles aufgesetzt ist und nichts echtes merke ich daran, dass ich es stets als Last empfinde. Die Gewissenlosigkeit als Hauptzug zeigt sich dann auch hier: Sie ist eine Abwehrreaktion dagegen, mich in irgendetwas involvieren zu lassen, was ich nicht bin. Wie jede Abwehrreaktion ist sie aber künstlich und eher ein Panzer als ein lebendiges Eingehen auf das, was ist. Ich behindere mich dadurch selbst.

Woher die Bereitschaft dazu? In letzter Instanz ist es einfach nur Schwäche, die ich mir nicht eingestehen möchte. Ich projiziere sie dann auf meine Umwelt mit dem Ergebnis, dass ich mich in diese Umwelt verstricke. Die Anlässe sind unterschiedlich, der Mechanismus stets derselbe: Durch Schwächen anderer Menschen erkenne ich wohl irgendwo meine eigenen Schwächen, gestehe sie mir aber nicht ein. Das ist wohl auch das, was G.-L. einmal damit meinte, meine Bereitschaft, mich auf gewisse Leute einzulassen, sei einfach nur der Tatsache geschuldet, dass ich mich in ihnen spiegele.

Heute war dann so ein Tag, wo ich meiner eigenen Schwäche nicht mehr ausweichen konnte. Ich fühlte mich kränklich, hatte Halsschmerzen und schleppte mich so dahin. An Tagen wie diesen kann ich gar nicht anders als schwach zu sein. Ich versuchte dann, diese Schwäche möglichst genau zu betrachten, ohne sie zu analysieren. Einfach das Gefühl, schwach zu sein, als solches. Der Lohn dieser Betrachtung bestand dann darin, dass irgendwann großer Frieden eintrat, aber auch Müdigkeit (vgl. auch die heutige Präsenzübung).

Körper

Mai 17, 2008

Schwere, Aufgeregtheit, Freude usw.: All diese Zustände, die ich in den letzten Tagen beschrieb, und die sich wie die einzelnen Darsteller bei einem Kasperletheater je nach Szene ablösten, ließen mich gestern ja in dieses Gefühl der Hülsenhaftigkeit sacken. Dieses Gefühl empfand ich zunächst als niederschmetternd.

Heute, vor, während und nach dem Sport (ich ging mal wieder ins Sportstudio) wurde mir dann klar, woraus diese Hülse besteht. Es ist so einfach, dass es fast lachhaft ist: die Hülse ist der Körper. Alle Befindlichkeiten sind letztendlich Befindlichkeiten des Körpers (auch die emotionalen und intellektuellen). Ich bemerkte es anhand des radikalen Stimmungswechsels, der durch den Sport bewirkt wurde: Vorher irgendwie gedämpft und träge, währenddessen konzentriert, hinterher voller Freude aber auch etwas unruhig.

Die Person ist der Körper.

Das klingt geradezu trivial, und jeder Möchtegernwissenschftler hat das ja sowieso schon immer gewusst. Es ist aber ein Unterschied, ob ich diese Sache nur “weiß” oder ob ich sie wirklich fühlen kann. Letzteres beinhaltet nämlich einen gewissen Schrecken, der mich gestern heimsuchte. Und genau hier ist dann der Punkt, wo ich entweder weitergehen möchte, oder wo ich in Panik umdrehe, weil mir das “Wissen” reicht”, die direkte Wahrnehmung dieser Tatsache mich aber überfordert. Tatsächlich ist diese Panik aber nur der Vorlauf dessen, wohin diese Erkenntnis führt. Und das deutete sich bereits gestern als Glücksgefühl an. Es ist letztendlich die Freiheit, auf die es hinausläuft: wenn ich nämlich die Begrenztheit meiner Person kenne, dann bin ich frei von ihren Launen.

Hülsenhaftigkeit und Präsenz 16.05.08

Mai 16, 2008

Der heutige Tag war eine einzige zähe Dahinschlepperei. Es ging damit los, dass ich aufwachte und gar nicht richtig ausgeschlafen war. Ein erkennbarer Grund lag nicht vor. Auf dem Weg zur Arbeit ergab es sich dann, dass eine U-Bahn-Linie wegen eines technischen Defekts zeitweise blockiert war, und ich mich sputen musste, um einigermaßen rechtzeitig zur Arbeit zu erscheinen. Es entwickelte sich dabei aber keine Hektik, sondern ein schwerfälliger Missmut, der wohl bereits vorher vorhanden gewesen war, sich jetzt aber verstärkte. Als nächstes ergab es sich, dass zwei Unterichtsstunden, die eigentlich abgesagt gewesen waren, nun plötzlich doch stattfinden sollten, und ich improvisieren musste, was das Ganze doppelt anstrengend machte. Das hatte aber nicht den Effekt - wie so oft bei unerwarteten Herausforderungen -, dass ich dadurch wacher und lebendiger wurde, sondern es multiplizierte meinen Missmut und damit meine Energielosigkeit um ein weiteres.

Und so schleppte sich der Tag dann weiter: Am späten Nachmittag schaute ich bei M. vorbei um dort etwas zu essen, und lief dort dann auch J. in die Arme, mit dem sich dann ein von meiner Seite aus eher gequältes Gespräch ergab, so dass ich dort länger sitzenblieb als geplant. Ich hätte das Ganze natürlich abkürzen können, hätte aber in diesem Moment gar nicht gewusst, wozu, denn - und das war die Quintessenz des Tages - meine müde Hülsenhaftigkeit war das einzig Greifbare an mir.

Am Abend in der Straßenbahn auf dem Weg nach hause ergriff mich auf einmal eine ganz tiefe Panik. Es stand mir so direkt vor Augen wie selten, wie sinnlos und leer all meine Aktivitäten wirklich sind. Da ist nichts, was irgendeine Bemühung wirklich lohnen würde. Jede Bemühung ist dabei nämlich nichts anderes als eine leere Reaktion auf einen leeren Reiz. Kurz danach wiederum, auf dem Fußweg von der Haltestelle nach hause stellte sich dann plötzlich (wenn auch nur kurzzeitig) jenes Glücksgefühl ein, das häufig den Zustand der Präsenz begleitet. Ausgelöst wurde es durch den leicht einsetzenden Regen und das im diffusen Licht besonders saftig wirkende Grün irgendwelcher Bäume und Sträucher.

Aufgestülpt

Mai 15, 2008

Während der Präsenzübung fühlte ich sie ganz deutlich: die Leere, die ich bin. Alles andere ist nur aufgesetzt oder aufgeklebt. So als wäre ich eine weiße Wand, an der irgendjemand Zettel anklebt und sie beizeiten durch neue ersetzt. Der Punkt dabei ist: je weißer die Wand, desto mehr bietet sie sich an, um neu beklebt zu werden. Die Wand kann sich dagegen nicht wehren. Das wurde mir heute anhand zweier Vorfälle klar, die letztendlich beide nichts mit mir zu tun hatten, die aber beide meine Aufmerksamkeit beanspruchten.

Der erste bestand darin, dass ich heute eine Prüfung beaufsichtigen musste, wobei vor Allem die eine Schülerin, die ich eigentlich für exzellent vorbereitet hielt (ich unterrichte sie allerdings in einem anderen Fach, nicht in diesem, in dem heute geprüft wurde), völlig versagte. Nach der Prüfung fühlte ich mich selbst so, als hätte ich versagt - dabei konnte ich mir selbst noch nicht einmal reale Vorwürfe machen, denn ich bin ja nicht der unterrichtende Lehrer dieser Schülerin in diesem Fach, und hatte auch die Prüfung nicht konzipiert, sondern war ganz einfach nur Aufsichtsperson. Dennoch ließ es mich deprimiert fühlen. Ich war hinterher in jeder Beziehung lustlos und energiearm.

Der zweite Vorfall ergab sich, als ich am Abend von M. mit den neuesten Neuigkeiten und Schwierigkeiten hinsichtlich ihrer Unternehmung überhäuft wurde (nachdem ich zuvor eine Zeitlang alleine in der Wohnung gewesen war und dabei sehr ruhig und bei mir gewesen war). Auch hier konnte ich sofort die Wirkung der Unruhe beobachten, die das alles auf mich hatte. War ich eben noch völlig entspannt gewesen, fühlte ich nun Hektik und Aufgeregtheit in mir aufsteigen.

Wie gesagt: So klar wie heute war es mir selten, wie sehr ich mir viele Dinge, von denen ich hinterher glaube, sie seien “meine” Emotionen, einfach nur aufstülpen lasse. Es ist geradezu lächerlich, in welchem Maße ich mir die Sorgen und Probleme anderer Menschen aneigne.

Gefühl der Verletzung

Mai 14, 2008

Da ich heute einen abeitstechnisch entspannten Tag hatte (am frühen Nachmittag hatte ich Schluss), fand ich mich plötzlich mit relativ viel Freizeit. Ich ging am späten Nachmittag kurz entschlossen auf das Badeschiff und verweilte dort für etwa zwei Stunden, wobei ich in den “Wanderjahren” las. Das Buch berührte mich wieder sehr, und wieder (wie bereits vor ein, zwei Jahren, als ich darin zum letzten Male las) wurde mir auch schnell klar, worin diese Berührung bestand: Es ist nicht die geschilderte Geschichte, keine wie immer geartete “Botschaft” oder anderes, den nach portionierbaren Aussagen gierenden Verstand ansprechende Zeug, was hier zählt. Es ist der Tonfall, der Grundtenor, der wie ein ständig mitschwingender Hintergrundton allem seine ganz eigene Farbe gibt - aber keine bestimmte Farbe, sondern eher ein klarer Lack, der alles in tieferem, wärmerem Licht zeigt, ohne es zu übertünchen.

Nicht weit von mir entfernt hielten sich ein Mann und eine Frau auf, die sich sehr laut und grob und aufmerksamkeitsheischend unterhielten, was überaus stark mit dem kontrastierte, was ich da gerade las. Dieser Kontrast ließ mich mit einem Male schlecht fühlen. Ich fühlte mich verletzt und irgendwie abgestoßen. So, als wäre ich ein Fisch in der Wüste. Es war dieser Punkt, an dem dann eine Art Einsamkeitsgefühl aufkam, das noch lange anhalten sollte. Es besteht darin, dass ich gewisse Einflüsse als Verletzung empfinde, die andere Menschen anscheinend völlig anders wahrnehmen, womöglich als das Gegenteil (was ich auch daran erkannte, dass andere Unbeteiligte eher amüsiert und interessiert schauten).

Das Interessanteste an der Sache war aber, dass ich merkte, dass ich dieses Gefühl heute zum ersten Male wieder seit langem empfand. Es war fast, als wäre ein alter Bekannter plötzlich um die Ecke gebogen. Oder anders gesagt: Dieses Gefühl war während der letzten Monate von mir gewichen gewesen - und zwar, wie ich meine, seit etwa letztem September, als ich mich selbst auf eine lärmende Ebene begeben hatte, einfach indem ich gewisse Auseinandersetzungen geführt hatte, mich in Berge von Arbeit gestürzt hatte, und mich zudem in M.´s Projekt verstricken ließ (und sei es, indem ich mir Sorgen machte) - was alles ungefähr zeitgleich geschehen war. Durch diese Verstrickungen war ich selbst einer jener “Lärmenden” geworden, nicht vielleicht im wörtlichen oder aktiven Sinne, aber doch im allgemeinen Sinne. Meine Aufmerksamkeit hatte sich mit Lärm beschäftigt. Dadurch war mir der Sinn für dieses Gefühl abhanden gekommen. Dass dieses Gefühl aber nichts anderes als eine Regung des Gewissens ist, schließt wieder den Kreis zu meinem Hauptzug.