Aufgestülpt
Während der Präsenzübung fühlte ich sie ganz deutlich: die Leere, die ich bin. Alles andere ist nur aufgesetzt oder aufgeklebt. So als wäre ich eine weiße Wand, an der irgendjemand Zettel anklebt und sie beizeiten durch neue ersetzt. Der Punkt dabei ist: je weißer die Wand, desto mehr bietet sie sich an, um neu beklebt zu werden. Die Wand kann sich dagegen nicht wehren. Das wurde mir heute anhand zweier Vorfälle klar, die letztendlich beide nichts mit mir zu tun hatten, die aber beide meine Aufmerksamkeit beanspruchten.
Der erste bestand darin, dass ich heute eine Prüfung beaufsichtigen musste, wobei vor Allem die eine Schülerin, die ich eigentlich für exzellent vorbereitet hielt (ich unterrichte sie allerdings in einem anderen Fach, nicht in diesem, in dem heute geprüft wurde), völlig versagte. Nach der Prüfung fühlte ich mich selbst so, als hätte ich versagt - dabei konnte ich mir selbst noch nicht einmal reale Vorwürfe machen, denn ich bin ja nicht der unterrichtende Lehrer dieser Schülerin in diesem Fach, und hatte auch die Prüfung nicht konzipiert, sondern war ganz einfach nur Aufsichtsperson. Dennoch ließ es mich deprimiert fühlen. Ich war hinterher in jeder Beziehung lustlos und energiearm.
Der zweite Vorfall ergab sich, als ich am Abend von M. mit den neuesten Neuigkeiten und Schwierigkeiten hinsichtlich ihrer Unternehmung überhäuft wurde (nachdem ich zuvor eine Zeitlang alleine in der Wohnung gewesen war und dabei sehr ruhig und bei mir gewesen war). Auch hier konnte ich sofort die Wirkung der Unruhe beobachten, die das alles auf mich hatte. War ich eben noch völlig entspannt gewesen, fühlte ich nun Hektik und Aufgeregtheit in mir aufsteigen.
Wie gesagt: So klar wie heute war es mir selten, wie sehr ich mir viele Dinge, von denen ich hinterher glaube, sie seien “meine” Emotionen, einfach nur aufstülpen lasse. Es ist geradezu lächerlich, in welchem Maße ich mir die Sorgen und Probleme anderer Menschen aneigne.