Gefühl der Verletzung

Da ich heute einen abeitstechnisch entspannten Tag hatte (am frühen Nachmittag hatte ich Schluss), fand ich mich plötzlich mit relativ viel Freizeit. Ich ging am späten Nachmittag kurz entschlossen auf das Badeschiff und verweilte dort für etwa zwei Stunden, wobei ich in den “Wanderjahren” las. Das Buch berührte mich wieder sehr, und wieder (wie bereits vor ein, zwei Jahren, als ich darin zum letzten Male las) wurde mir auch schnell klar, worin diese Berührung bestand: Es ist nicht die geschilderte Geschichte, keine wie immer geartete “Botschaft” oder anderes, den nach portionierbaren Aussagen gierenden Verstand ansprechende Zeug, was hier zählt. Es ist der Tonfall, der Grundtenor, der wie ein ständig mitschwingender Hintergrundton allem seine ganz eigene Farbe gibt - aber keine bestimmte Farbe, sondern eher ein klarer Lack, der alles in tieferem, wärmerem Licht zeigt, ohne es zu übertünchen.

Nicht weit von mir entfernt hielten sich ein Mann und eine Frau auf, die sich sehr laut und grob und aufmerksamkeitsheischend unterhielten, was überaus stark mit dem kontrastierte, was ich da gerade las. Dieser Kontrast ließ mich mit einem Male schlecht fühlen. Ich fühlte mich verletzt und irgendwie abgestoßen. So, als wäre ich ein Fisch in der Wüste. Es war dieser Punkt, an dem dann eine Art Einsamkeitsgefühl aufkam, das noch lange anhalten sollte. Es besteht darin, dass ich gewisse Einflüsse als Verletzung empfinde, die andere Menschen anscheinend völlig anders wahrnehmen, womöglich als das Gegenteil (was ich auch daran erkannte, dass andere Unbeteiligte eher amüsiert und interessiert schauten).

Das Interessanteste an der Sache war aber, dass ich merkte, dass ich dieses Gefühl heute zum ersten Male wieder seit langem empfand. Es war fast, als wäre ein alter Bekannter plötzlich um die Ecke gebogen. Oder anders gesagt: Dieses Gefühl war während der letzten Monate von mir gewichen gewesen - und zwar, wie ich meine, seit etwa letztem September, als ich mich selbst auf eine lärmende Ebene begeben hatte, einfach indem ich gewisse Auseinandersetzungen geführt hatte, mich in Berge von Arbeit gestürzt hatte, und mich zudem in M.´s Projekt verstricken ließ (und sei es, indem ich mir Sorgen machte) - was alles ungefähr zeitgleich geschehen war. Durch diese Verstrickungen war ich selbst einer jener “Lärmenden” geworden, nicht vielleicht im wörtlichen oder aktiven Sinne, aber doch im allgemeinen Sinne. Meine Aufmerksamkeit hatte sich mit Lärm beschäftigt. Dadurch war mir der Sinn für dieses Gefühl abhanden gekommen. Dass dieses Gefühl aber nichts anderes als eine Regung des Gewissens ist, schließt wieder den Kreis zu meinem Hauptzug.

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