Gewissenlosigkeit mir selbst gegenüber

Dass sich dieser Hauptzug jetzt zeigt, hängt wohl auch mit den Entwicklungen der letzten Monate bzw. des letzten Jahres zusammen: Viel Arbeit, unerfreuliche Entwicklungen im Bekanntenkreis, Befürchtungen hinsichtlich M. usw.. Um es zu betonen: ich rede nicht davon, dass diese Dinge die Ursache sind. Eher kommt es mir gerade vor, als habe ich mich auf diese Dinge nur deshalb eingelassen, weil der Hauptzug hier ein Betätigungsfeld suchte. Ich komme jetzt darauf und schreibe im Verangenheitsmodus, weil mir durch diese vergangenen beiden Tage die Rolle jener Gelassenheit auffällt. Genau sie war es nämlich, die während der ganzen Zeit zu kurz kam. Und sie scheint auch der Schlüssel zu dem zu sein, was diese Gewissenlosigkeit ausmacht.

Gewissenlosigkeit zeigt sich mir nämlich gerade so, dass sie eine Reaktion auf die Angst ist, dass Dinge “außer Kontrolle” geraten könnten (Freunde, Finanzen, private Situation). Und um diese Kontrolle zu wahren, muss das Gewissen zurückgestellt werden. Das ist so, weil Kontrolle auf Bewahrung und Verschlossenheit vor dem Unbekannten hinausläuft - das Gewissen ist dagegen völlig anders: es fließt mit dem Lebensfluss mit, folgt ihm, wie bei einem Tanz. Es ist bei oberflächlicher Betrachtung haltlos - aber eben nur, was die äußeren Umstände oder Gegebenheiten angeht. Diese feine Freude, die während der vergangenen Tage aufkam, zeigt mir aber, dass es da in Wirklichkeit doch einen Halt gibt. Einen viel echteren Halt: das Gespür für “mich”. Und dieses Gespür kann nur im Zustand der Gelassenheit aufkommen.

Gewissenlosigkeit bedeutet dann eben nicht, dass ich mich meiner Umwelt gegenüber bösartig oder sonstwie verhalte, sondern sie weist vor Allem auf den Umgang mit mir selbst hin: ich agiere als mein eigener Sklave, anstatt mein eigener Herr zu sein.

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