Archiv für Januar 2008

Präsenz

Januar 31, 2008

Ein schneidend kalter Wind pfeift durch die Straße, als ich mich am Abend auf den Heimweg mache. Nachdem ich mehrere Stunden mit recht anstrengendem Unterricht (schwerer Stoff) beschäftigt war, merke ich, wie mich diese Frische aus meinen Gedanken holt.

Als ich dann in der warmen Straßenbahn sitze, intensiviert sich die Präsenz noch. Ich sitze völlig still, ohne die leiseste Bewegung und staune über die ruhige Klarheit, die sich einstellt. Irgendwann setzt sich mir jemand gegenüber und versucht ein Gespräch anzufangen, das mich aber überhaupt nicht interessiert. Ich spüre, wie mich diese Annäherung aus mir selbst reißt, und gehe nicht weiter darauf ein sondern schaue auf die Straße. Das hilft aber nichts, denn nun beschäftigen sich meine Gedanken damit, dass ich wohl ein völlig verbohrter Stoffel bin, genau so einer, wie sie mir selbst oft genug aufstoßen. Erst nachdem mein Gegenüber die Bahn wieder verlässt, stellt sich erneut Präsenz ein.

Der Punkt der Freude

Januar 30, 2008

G.-L.´s Eintrag im Blog in Zusammenhang mit C.´s Tagebucheintrag lenken auch meine Aufmerksamkeit auf die Frage, inwieweit die Mitarbeit in der Schule stets von Freude und Freiwilligkeit (im Sinne von freigiebigem Engagement) getragen ist. Es gibt Zeiten, da ist das bei mir sicher so, gar keine Frage. Es gibt aber auch immer wieder Phasen, wo es eher ein Dahinschleppen ist, in der Hoffnung auf bessere Zeiten. Ich kann C. völlig nachvollziehen wenn er schreibt, dass er sich jedes Mal, wenn er sich die Frage nach der Fortführung der Mitarbeit gestellt und dann positiv entschieden hatte, darüber froh war, doch weitergemacht zu haben. Derartige Zyklen kenne ich auch. Immer wieder kommen und gehen sie - Zweifel und Zuversicht.

“Man findet den Punkt in sich, wo Freude und Begeisterung vorhanden sind und man sich gerne einbringt.”

Dieses “froh sein” bestand dann aber immer darin, dass ich merkte, dass diese Freude aus mir selbst kommt - in ihrem eigenen Rhythmus und ohne, dass ich etwas dazutun musste. Sie war einfach plötzlich da. Es ist dies nichts anderes als Lebenskraft, die aktiv wird. Überschäumende Lebenskraft, Kraft nämlich, die übrig ist, die also nicht im Tagesgeschäft untergeht oder verbraucht wird, sondern die für diese Art von Arbeit zur Verfügung steht. Nicht von ungefähr wurde meine Mitarbeit schlechter, als ich im Alltag Aufgaben annahm, die mich mehr fordern als es bisher der Fall war. Und da gibt es auch nichts daran herumzujammern oder zu kritisieren oder gar Besserung zu geloben: es ist einfach so.

Das ist das Paradoxe an der Schule: Zum Einen ist die Teilnahme ein Luxus (und zwar aus der “vernünftigen” Alltagsperspektive betrachtet), zum Anderen ist sie für mich aber auch eine Notwendigkeit wie die Luft zum atmen (und zwar aus einer rein subjektiven Perspektive betrachtet). Letztendlich zählt letztere. Ich verstehe es sehr gut, wenn C. schreibt, er würde sich wie in einer Zwischenwelt fühlen. Das ist ein Schwanken zwischen den beiden Perspektiven.

“Man findet den Punkt in sich, wo Freude und Begeisterung vorhanden sind und man sich gerne einbringt.”

Diesen Punkt finde ich nur, wenn ich die “vernünftige” Alltagsperspektive beiseite lasse, denn sie ist nach außen gerichtet. Die Freude aber kommt von woanders her.

Ich und schreiben

Januar 29, 2008

Heute erkannte ich einen Zusammenhang zum Thema “ich”, den ich in dieser Form bisher nicht gesehen hatte: Der Eindruck, ich existierte als konkretes Ich speist sich immer aus der Vergangenheit. Da fand ein Erlebnis statt, auf welches sich das Ich bezieht, und mit dieser Erfahrung in der Gegenwart herumtastet. Das Ich ist somit einfach nur ein Widerhall der Art und Weise, wie die Lebenskraft in der Vergangenheit wirkte, eine Art Trägheitsmoment.

Den genauen Zusammenhang, in dem mir dieser Gedanke kam, kann ich nicht mehr exakt festmachen. Er war plötzlich da, mitten im Unterricht, als ich für eine oder zwei Minuten aus dem Fenster schaute. Aber selbst jetzt merke ich, dass er stimmt: Immer wenn ich das Wort “ich” gebrauche, steht es in Bezug zu etwas, was bereits war - selbst hier beim Schreiben, genau in diesem Moment. Der Unterschied zwischen Schreiben und Alltag ist aber der, dass bei ersterem dieser Bezug aufgedeckt und damit ausgelöscht wird. Dies löst dann neue Lebenskraft aus, was genau jenes befreiende Gefühl ist, das sich häufig während des Schreibens einstellt. Im Alltag geht er unter bzw. wird verleugnet.

Präsenz

Januar 29, 2008

Ich gehe einen Schleichweg zur Schule, der mich durch ein sehr grünes, an eine Schrebergartenkolonie grenzendes Gebiet führt. Plötzlich stehe ich vor einem Berg quietschig rosaroter Gummischlauchschnipsel (deren Sinn und Herkunft mir völlig schleierhaft war und noch ist). Allein dieser farbliche Schock angesichts der ansonsten winterlich braunen, blassgrünen und grauen Farbtöne wirkt wie ein Wecker auf mich. Ich stehe fasziniert vor dem Gummiberg und merke, wie sich schlagartig Präsenz einstellt. Es ist, als würde ich meine Umgebung zum ersten Male sehen - und muss über die absurde Szenerie lachen.

Der Glassplitter

Januar 28, 2008

Der Morgen begann heute mit einem interessanten Erlebnis:

Vor etlichen Monaten hatte ich mir aus Versehen ein Glasrohr in den Finger gerammt. Die Wunde verheilte recht schnell und die Narbe tat auch nicht weiter weh. Im Laufe der Monate jedoch spürte ich, dass da wohl doch noch ein Glassplitter zurückgeblieben war, der sich bei bestimmten Handgriffen bemerkbar machte. Vor etwa zwei Wochen erschien dann ein Punkt auf der verheilten Haut, und es öffnete sich langsam aber sicher ein Loch. Ich überlegte mir zwar, deswegen zum Arzt zu gehen, um den Splitter entfernen zu lassen, aber solange es nicht ernstlich weh tat, meinte ich, abwarten zu können (trotz der anderslautenden Ratschläge meiner Lebenspartnerin und anderer “Experten”). Schließlich stieß mein Körper auch in der Vergangenheit irgendwelche eingesammelten Dornen von selbst wieder ab. Die Wunde fing aber etwa seit vorgestern vermehrt an zu schmerzen, weshalb ich mir vornahm, in dieser Woche doch zum Arzt zu gehen. Heute morgen, nach dem Duschen, war die Haut um die kleine Wunde herum aufgeweicht, und ich zuppelte mit einer Pinzette daran herum, und siehe da: plötzlich hatte ich den Splitter draußen. Er war von selbst fast schon außen angekommen.

Mich erstaunte an diesem Vorfall (wieder) wie sehr der Körper sich selbst zu helfen weiß, und wie sehr meine Aufgabe einfach darin besteht, ihn gewähren zu lassen (was in diesem Falle ja weitgehend gelang). Es war dies für mich heute morgen ein Beispiel oder zumindest ein Symbol für das Wirken der Lebenskraft: sie wirkt von alleine, weiß im Prinzip genau, wo sie hin möchte. Durch meine Ungeduld und den Drang, “nachzuhelfen” blockiere ich sie oft genug. Mir mangelt es da mitunter an Vertrauen in die Weisheit dieser Kraft.

Dieser Vorfall ist nicht weiter wichtig, aber dennoch wirkte er sich auf mich aus, indem er mir den ganzen Vormittag über viel Energie zukommen ließ: Immer wieder tastete ich nach dem “befreiten” Finger und freute mich über das neue Gefühl. Nicht nur die Tatsache, dass der Splitter nicht mehr da war, freute mich, sondern auch die Tatsache, wie problemlos es passiert war.