Archiv für Dezember 2007

Präsenz und Demut

Dezember 31, 2007

Wenn ich den Begriff “Lebenskraft” wirklich verstehen möchte - und verstehen heißt eben wesentlich mehr, als nur ein paar Worte darüber zu verlieren - dann muss ich ihm in mir selbst nachspüren. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Da bin ich ganz auf mich selbst zurückgeworfen.

Als ich am späten Nachmittag noch einmal hinausging, um allerletzte Besorgungen für das für heute anberaumte Essen zu machen, spürte ich sie ganz deutlich, diese Lebenskraft. Sie äußerte sich aber völlig anders, als es das Wort selbst suggeriert. In einem Zustand starker Präsenz ging ich die dunkle Straße entlang, während um mich herum bereits die ersten Feuerwerkskörper gezündet wurden, und dabei konnte ich beobachten, wie die Beklommenheit der letzten Tage sich noch weiter gesteigert hatte, dabei fast unerträglich wurde. Es fühlte sich wie eine Hand an, die nach meiner Kehle griff, als wolle sie mich würgen, und ich konnte in diesem Zustand nichts anderes tun, als Schritt hinter Schritt zu setzen, und wie erstarrt zusehen, was sich da zusammenbraute. Es fühlte sich an als würde ich sterben. In der Bäckerei, wo ich in einer elend langen Schlange anstehen musste, wurde es geradezu unerträglich.

Dieses Gefühl verdichtete sich dann auch auf dem Heimweg immer mehr - als ich es plötzlich genau spürte und damit auch wusste, wo der Schlüssel liegt: Es ist Demut, die hier nottut. Ich mag dieses Wort nicht, denn es hört sich fürchterlich pathetisch an, aber es passte in diesem Moment haargenau. Es geht dabei aber nicht um Demut im äußeren, im moralischen Sinne, sondern um Demut jener Kraft gegenüber, die sich durch mich äußern möchte oder muss. Jegliches Aufbegehren dagegen verstärkt den Griff nach meiner Kehle, jedes Wahrnehmen dieser Demut lockert ihn wieder. Ich selbst bin es folglich, der sich da an die Kehle greift. Die Kraft selbst ist da völlig unparteiisch, ja, geradezu gleichgültig.

So hielt dieses Gefühl in unverminderter Stärke an, bis ich wieder zuhause war. Erst als ich begann, den Tisch für das Essen zu richten, den Raum aufzuräumen, die Blumen zuzuschneiden usw., als ich also Handlungen vornahm, in die ich Gewahrsamkeit einfließen lassen konnte, löste es sich weitgehend auf. Auf einmal nahm ich wieder die Freude wahr, die auch in mir steckt, die auch Lebenskraft ist.

Der Film “Liebesleben”

Dezember 30, 2007

Jetzt, gerade frisch vom Kino wieder zuhause, hallt der soeben geschaute Film “Liebesleben” in mir nach. Hatte ich mich während der ersten Hälfte des Filmes eher gelangweilt, weil mir zunächst alles wie hyperemotionaler Kitsch vorgekommen war, so ergab die geschilderte Geschichte immer mehr Sinn und auch Tiefe, je mehr es dem Ende zuging, und packte mich dann am Ende richtig beim Schlawittchen. Dabei hatte sich eigentlich schon recht früh abgezeichnet, worum es in diesem Film ging, als nämlich die Hauptakteurin auf die Frage nach ihrem Leben äußert, ja, es wäre “ihr Leben”, aber sie würde “immer mehr darin versinken”.

Kurzum: Das Thema ist der Ausbruch aus der verlogenen Welt der Schläfer, aus dem zurechtgebastelten Kunstleben. Dieser Ausbruch kostet etwas, und zwar das eigene Weltbild, aber er bringt auch etwas: Selbsterkenntnis. Erst dann tritt so etwas wie Frieden ein.

Der interessanteste Aspekt an dem Film ist dann aber der rein praktische. Warum nämlich lässt sich die junge Frau auf diese Entdeckungsreise ein? Und dies ist so banal wie wichtig: Es ist sexuelle Neugier, die sie auf den Pfad der Selbsterkenntnis bringt, der dann alles, was bisher in Ordnung schien (obwohl es das eben nicht war), völlig aus den Fugen bringt. Was diese Frau leistet, ist vor Allem, die nötige Offenheit aufzubringen, um dieser Neugier zu folgen - allen Erniedrigungen, Widrigkeiten und eigenen Erwartungen zum Trotz. Interessant ist auch, dass die Frau zu Beginn zwar stets eine gewisse Unzufriedenheit ganz allgemeiner Art zur Schau trägt, dies aber selbst nicht wirklich wahrnehmen möchte. Die sexuelle Neugier ist da so etwas wie die Maschine, die durch diese unterschwellige Unzufriedenheit angetrieben wird, und die ihrerseits Änderungen bewirkt.

Womit ich auch hier wieder auf das Thema “Lebenskraft” stoße: Sie wirkt wie von alleine, Schritt für Schritt und folgerichtig, und das einzige Tun besteht (nach der anfänglichen Öffnung) im Ertragen und Zulassen dieser Kraft. Wird sie zugelassen, bringt sie wie ein Naturereignis alles wieder in eine “natürliche” Ordnung, die als Ausgangspunkt für einen Neuanfang dient. So wie eine Überschwemmung irgendwelche Bauwerke, die womöglich längst ihren Sinn verloren haben, wieder einebnet, und Platz für neues schafft. Und diese Kraft ist immer da - im Gegensatz zur Bereitschaft, sie zuzulassen.

Wenn ich nun aber so etwas hinschreibe, merke ich wieder, dass ich mich auf eine Beobachterposition zurückziehe, wie ein Wissenschaftler, der außen vor steht. Der Film machte mich aber sehr betroffen, mehr als es Worte bezeugen könnten. Vor Allem bei Szenen, in denen es um die Ehe der Protagonistin ging, fühlte ich mich an M. und mich erinnert. Ich registrierte dabei auch so etwas wie Unwohlsein oder ein Beengungsgefühl.

Präsenz

Dezember 30, 2007

Nach einem langen Spazergang sitze ich mit M. in einem Café, wo wir warten, bis der Knofilm anfängt. Nach hause zu gehen hätte sich nicht gelohnt, uns aufwärmen wollten wir dennoch. Während M. liest, schaue ich aus dem Fenster auf das Treiben auf der Straße und bemerke, dass ich sehr präsent bin, und alle Wahrnehmungen intensiver werden. Zudem bemerke ich eine starke Beklommenheit in mir, eine Unzufriedenheit, ähnlich jener, die ich gestern in der U-Bahn fühlte. Ich lasse sie auf mich wirken, und nehme wahr, das es sich hierbei um eine Art Gezerre zwischen dem Wunsch “etwas zu tun” und akzeptierender Gelassenheit handelt. Mich selbst nehme ich als Spielball dieser Kräfte oder Pole wahr.

Präsenz

Dezember 29, 2007

Ich sitze in der U-Bahn und merke, dass ein Gefühl des Unwohlseins die Präsenz begleitet. Ich befinde mich in einem Stück Blech unter der Erde zusammengepfercht mit Menschen, deren Gegenwart mir teilweise lästig ist - deren Gesichter Unmut und schlechte Vibrationen ausstrahlen. Ich mache mich ganz klein und hoffe, dass die Bahn bald am Zielbahnhof ankommt, aber natürlich braucht sie heute länger als sonst. Mir wird bewusst, wie sehr diese Empfindung nur mit mir selbst zu tun hat, denn während der letzten etwa fünf Minuten ändert sich mein Zustand schlagartig, hin zu mehr Entspannung, obwohl sich äußerlich nichts geändert hat.

Organisieren

Dezember 29, 2007

Ich habe eigentlich einen riesig großen Berg Arbeit hier zuhause: Dinge, die korrigiert, vorbereitet, überarbeitet werden sollen. Und eigentlich hatte ich es mir so vorgestellt, dass ich während dieser freien Tage jeden Tag ein bisschen davon abarbeiten könnte. Als ich heute aber damit anfangen wollte, empfand ich aber auf einmal ein überaus starkes Gefühl von Widerwillen. Nein, definitiv keine Lust!

Ich ließ es dann bleiben und fühlte mich dabei aber gar nicht so, als hätte ich etwas vor mir hergeschoben. Vielmehr sah ich ganz klar, dass es richtig ist, ein paar Tage völligen Abstand von der Arbeit zu gewinnen, und dafür später etwas intensiver loszulegen. Diese ganze Organisiererei und Einteilerei - das wurde mir heute auch klar - ist eine einzige Ausgeburt des Verstandes.