Präsenz und Demut
Dezember 31, 2007Wenn ich den Begriff “Lebenskraft” wirklich verstehen möchte - und verstehen heißt eben wesentlich mehr, als nur ein paar Worte darüber zu verlieren - dann muss ich ihm in mir selbst nachspüren. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Da bin ich ganz auf mich selbst zurückgeworfen.
Als ich am späten Nachmittag noch einmal hinausging, um allerletzte Besorgungen für das für heute anberaumte Essen zu machen, spürte ich sie ganz deutlich, diese Lebenskraft. Sie äußerte sich aber völlig anders, als es das Wort selbst suggeriert. In einem Zustand starker Präsenz ging ich die dunkle Straße entlang, während um mich herum bereits die ersten Feuerwerkskörper gezündet wurden, und dabei konnte ich beobachten, wie die Beklommenheit der letzten Tage sich noch weiter gesteigert hatte, dabei fast unerträglich wurde. Es fühlte sich wie eine Hand an, die nach meiner Kehle griff, als wolle sie mich würgen, und ich konnte in diesem Zustand nichts anderes tun, als Schritt hinter Schritt zu setzen, und wie erstarrt zusehen, was sich da zusammenbraute. Es fühlte sich an als würde ich sterben. In der Bäckerei, wo ich in einer elend langen Schlange anstehen musste, wurde es geradezu unerträglich.
Dieses Gefühl verdichtete sich dann auch auf dem Heimweg immer mehr - als ich es plötzlich genau spürte und damit auch wusste, wo der Schlüssel liegt: Es ist Demut, die hier nottut. Ich mag dieses Wort nicht, denn es hört sich fürchterlich pathetisch an, aber es passte in diesem Moment haargenau. Es geht dabei aber nicht um Demut im äußeren, im moralischen Sinne, sondern um Demut jener Kraft gegenüber, die sich durch mich äußern möchte oder muss. Jegliches Aufbegehren dagegen verstärkt den Griff nach meiner Kehle, jedes Wahrnehmen dieser Demut lockert ihn wieder. Ich selbst bin es folglich, der sich da an die Kehle greift. Die Kraft selbst ist da völlig unparteiisch, ja, geradezu gleichgültig.
So hielt dieses Gefühl in unverminderter Stärke an, bis ich wieder zuhause war. Erst als ich begann, den Tisch für das Essen zu richten, den Raum aufzuräumen, die Blumen zuzuschneiden usw., als ich also Handlungen vornahm, in die ich Gewahrsamkeit einfließen lassen konnte, löste es sich weitgehend auf. Auf einmal nahm ich wieder die Freude wahr, die auch in mir steckt, die auch Lebenskraft ist.