Archiv für September 2007

Das Treffen

September 30, 2007

Gestern traf ich mich mit den ehemaligen Klassenkameraden (vgl. Eintrag vom 27.09.), und noch heute sitzt mir dieser Tag in den Knochen. Zunächst hatte ich den Nachmittag vor Allem mit C. verbracht, was ich als überaus angenehm empfunden hatte, wobei wir auch gute Gespräche führten oder einfach nur schwiegen. Am Abend aber, als wir mit den anderen in dem Restaurant saßen und gerade bestellt hatten, kam ein Gefühl auf, als würde ich sterben. Ich bekam Kopfschmerzen, fühlte mich elend, und wollte am liebsten hinauslaufen. Diese ganzen, zumeist überaus hohlen Gespräche, die Geschäftigkeit, die Lautstärke: alles brach über mich herein wie eine Katastrophe. Ich fühlte, dass ich völlig fehl am Platze war. Nach dem Essen entspannte sich das dann zwar - vor Allem durch die Gegenwart der sehr netten amerikanischen Ehefrau von J. und auch M., die dazugestoßen war - jedoch hielt unterschwellig ein starkes Unwohlsein an.

Immerhin bleibt eine bemerkenswerte Erfahrung: Im Moment größten Elends machte sich in mir auch so etwas wie völlige Resignation breit. Es war mir in diesem Moment schlichtweg alles egal. Und wenn mich der Blitz getroffen hätte. Und vor diesem Hintergrund verdeutlichte sich noch einmal spürbar die Gewissheit, wie unwichtig andere Menschen sind, wenn es sich um mein eigenes Glück handelt. Jegliches emotionale Anhangen an andere Menschen ist völlig verschwendete Liebesmüh. Das führte dann gleichzeitig zu einer Art Entspannung in mir, als ich vor Allem Äußerungen von V. an mir abperlen lassen konnte, als wären sie nichts - selbst wenn sie an mich gerichtet waren. Es fand ein Loslassen statt, welches ich als heilsam empfand.

Den heutigen Vormittag verbrachte ich sehr ruhig mit M. in der Wohnung, was ich wie Labsal empfand, jedoch der kleinste Gedanke an den gestrigen Tag ließ mich wieder übel fühlen. Es kommt mir vor, als hätte ich eine Aversion gegen das Zusammensein mit Menschen entwickelt, von denen ich eigentlich nichts will, bzw. von denen ich keine aufbauenden Impulse erwarten kann, mit Menschen also, von denen ich mich sogar in erster Linie ausgenommen fühle (in diesem Falle betrifft das alle, bis auf C.). Was ich früher noch dickfellig hinnehmen und tolerieren konnte, lässt mich nun krank und elend fühlen. Einerseits bin ich anscheinend sensibler und auch ehrlicher geworden - aber wie alle Zunahme von Sensibilität ist es keine Entwicklung, die irgendetwas angenehmer werden lässt.

Heute Nachmittag traf ich mich dann noch einmal kurz mit einem Teil der Leute, weil S. erst heute eingetroffen war - und wieder kam dieses Unwohlsein bei mir auf. Ich verabschiedete mich dann auch recht bald, und fühlte mich erleichtert, wieder in der Wohnung zu sein.

Nach derartigen Erlebnissen (es ist nicht das erste Mal, dass ich so empfinde, wenn es dieses Mal auch besonders intensiv war), frage ich mich immer, ob ich nicht zu sensibel für diese Welt bin. Andere Menschen scheinen solche Beklemmungszustände nicht zu kennen, und würden nur mitleidig lächeln, wenn ich es ihnen erzählen würde. Hier besteht für mich vor Allem die Aufgabe, mich so zu nehmen wie ich bin, mit dieser Schwäche, mit dieser Unfähigkeit, über meinen Schatten zu springen und gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Auch das schlechte Gewissen jenen Leuten gegenüber, deren Gegenwart mir unangenehm ist, obwohl sie selbst auch nichts dafür können so zu sein, wie sie sind, ist etwas, was ich gerade erst erkenne. Das fiel mir nämlich heute auf: Ich fühlte mich schlecht, weil ich nicht so herzlich sein konnte, wie man es von mir wahrscheinlich erwartete.

Präsenz

September 29, 2007

Nach dem Erwachen bleibe ich eine ganze Weile im Bett liegen. Ich liege einfach da und sehe, wie die Präsenz nach und nach intensiver wird. Dies ist eine andere Art, zu erwachen, als es mir unter der Woche zuteil wird also als durch einen lästigen Wecker aufgeschreckt zu werden. Ich spüre, dass sich dieses präsente Erwachen auf den gesamten Vormittag auswirkt.

Ungeduldig

September 28, 2007

Der heutige Tag war mit Terminen vollgepackt. Hinzu kam, dass es mir gesundheitlich immer noch nicht optimal geht. Kurzum: ich war den ganzen Tag über nicht besonders gut gelaunt, und weit davon entfernt, besonders viel Geduld für meine Umwelt aufzubringen. Vor Allem M. gegenüber war ich ziemlich pampig, als ich in der Mittagspause bei ihr vorbeischaute, und von ihr darum gebeten wurde, ob ich ihr nicht einen Gefallen tun könnte (es ging um die Anfertigung einer Zeichnung für einen Flyer). Es sei eilig, und sie kenne sich nicht so gut mit dem Zeichenprogramm aus. In diesem Moment war es, als würde ich platzen müssen. Nein, ich wollte nicht. Hinterher tat es mir dann leid. Theoretisch hätte ich schon noch Zeit gehabt, ihr zumindest die wichtigsten Dinge zu erklären, aber ich hatte einfach keine Lust dazu. Keine Energie. (Jetzt, am Abend, fertigte ich die Zeichnung dann doch noch an.)

In solchen Situationen fällt mir regelmäßig der Begriff von der “Belastbarkeit” ein. In jeder Stellenanzeige taucht er als wünschenswerte Tugend auf. Zumindest diese Tugend scheine ich nicht zu besitzen.

Präsenz

September 28, 2007

Die intensivste Präsenzphase ergab sich, als ich heute im Bus mich auf einen Platz ganz vorne, oben hinsetzte. Der Bus war leer, und ich konnte bequem sitzen. Ich ließ die Stadt an mir vorüberziehen und war dabei ganz bei mir.

Mini-Klassentreffen

September 27, 2007

Morgen Abend kommt ein ehemaliger Klassenkamerad (J.) nach Berlin, um am Wochenende beim Marathon mitzulaufen - und zu diesem Anlass zwei weitere Klassenkameraden, die in Deutschland leben, so dass es ein Mini-Klassentreffen wird. Ich freue mich irgendwie schon darauf, sie zu sehen, finde es aber vor Allem interessant, dieses Marathongeschehen so aus nächster Nähe mitzubekommen. Allerdings wird auch V. (ebenfalls ein Klassenkamerad, der aber wie ich in Berlin lebt, und einer jener Bekannten, von denen ich mich distanzierte) dabeisein, was mir weniger Recht ist - denn der Abstand zu ihm tut mir gut, und ich habe irgendwie gar keine Lust auf ein Treffen, wo wieder nur “gute Laune” und Angeberei im Vordergrund steht. Außerdem klang es mir am Telefon so, dass V. wieder ein ganz großes, sich über das gesamte Wochenende erstreckende Vollzeitprogramm organisiert, worauf ich nun absolut keine Lust habe. Ich brauche auch Zeit für M. - und nicht zuletzt für mich selbst. Hinzu kommt meine Erkältung, die mir noch mehr die Lust nimmt. So werde ich die Zeit auf ein Minimum reduzieren, die ich mit den Klassenkameraden verbringe.

Bezeichnend ist aber das Gefühl der Nötigung, das ich zunächst unterschwellig empfand, als ich mit V.´s Plänen konfrontiert wurde. So als sei ich diesen Leuten etwas schuldig. Nun, ich freue mich schon auf J. und die anderen, aber dafür brauche ich nicht das ganze Wochenende mit ihnen zu verbringen, da reicht ein einziger Tag. Und was ich in diesem Zuge aber auch sehe: Dieses Gefühl der Nötigung ist völlig künstlich und pures inneres Mich-Richten. Es ist völlig in Ordnung, selbst zu entscheiden, wie ich meine Zeit verbringe. Und ob ich mit irgendjemandem die Schulbank gedrückt habe, ist dabei völlig schnurz.

Es klingt banal, ja, aber es ist kein bisschen banal, es so klar zu sehen wie jetzt gerade.