Gelassenheit als Entscheidungshilfe

Mai 10, 2008 by Götz

Zur Beobachtung der Gelassenheit als Mittel zur Auflösung der Gewissenslosigkeit lieferte eine aktuelle Entwicklung neue Gelegenheit:

Vor etlichen Wochen hatte ich ja C. diese Mail geschrieben, nachdem er mir am Telefon von seinen Problemen erzählt und konkret um Hilfe gebeten hatte. Nun erreichte mich eine Mail seiner Mutter, sie und ihr Mann seien gerade auf dem Weg nach Deutschland und hätten vor, auch in Berlin vorbeizuschauen - und sie würden mich bei dieser Gelegenheit gerne sprechen. Die Mail war ansonsten sehr freundlich und geradezu überschwänglich gehalten, was mir aufstieß, denn ich empfand es als den Versuch einer Vereinnahmung. Und den Grund hinter dieser Vereinnahmung lieferte dann der vorletzte Absatz, in dem unmissverständlich stand, dass ich C. auf keinen Fall davon abraten solle, diese Psychopharmaka zu nehmen, sondern dass ich vielmehr auf ihn einwirken solle, sie eben doch zu nehmen (anscheinend weigert er sich). Dieses war der einzige nicht liebenswürdige Satz in der recht langen Mail - und damit auch der einzige ernst zu nehmende.

Wie auch immer: Meine erste Reaktion beim Lesen dieses Briefes war Wut - dahingehend, dass diese Leute es sich offensichtlich sehr leicht machen, und dabei sogar die Gesundheit und das Recht auf Selbstbestimmung ihres Sohnes mit Füßen zu treten bereit sind - nur damit sie selbst nicht mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert werden (denn wo bei dieser Geschichte der Hund begraben liegt, ist völlig klar). Kurzum, ich war kurz davor, einen Brandbrief zurückzuschreiben, um diesen Leuten an den Kopf zu werfen, was in meinen Augen der tatsächliche Grund für gewisse Missstände bei ihrem Sohn sind. Ich unterließ das dann aber. Es wäre eine typische Überreaktion gewesen, die C. wahrscheinlich nicht geholfen, sondern eher geschadet hätte. Es wäre auch eine Handlungsweise gewesen, die unter dem Zeichen der Gewissenlosigkeit entstanden wäre: Mit hochrotem Kopf für eine bessere Welt und nach mir die Sintflut.

Ich erinnerte mich in diesem Zuge auch an die Sufi-Geschichte von der Insel mit den Melonen, die ich vor etlichen Jahren in Ron Fischer “Spione des Herzens” las, und die ich nie vergaß. Sie handelt von einer Insel, deren Bewohner Angst vor besonders großen Melonen haben, die im Inneren der Insel wachsen. Sie halten sie für gefährliche Drachen, trauen sich nicht, sie anzugreifen und leben dauernd in Angst und Schrecken. Die ganze Insel liegt deshalb darnieder. Einen Zugereisten, der sieht, was da los ist, und sich lachend über die Melonen hermacht, töten sie im Schlaf, weil sie ihn für noch stärker und gefährlicher als die Melonen halten. Erst als ein weiterer Zugereister ihre Ängste ernst nimmt (obwohl er natürlich durchschaut, was da los ist), und ihnen zeigt, wie man Melonen ohne Gefahr mit einem ganz einfachen Messer zerlegen kann, besiegen sie ihre Angst und die Insel blüht auf. Kurzum: Niemandem ist geholfen, wenn Vertrauen zerstört wird. Auch in dieser Situation mit C. nicht.

Deshalb antwortete ich kurz und knapp, ich würde mich auch auf ein Treffen mit ihnen freuen, verbunden mit der Frage, wann sie denn nach Berlin kämen. Als ich die Mail abschickte war ich völlig gelassen, und fühlte sogar wieder diese Leichtigkeit. Ich hatte ein gutes Gewissen - genau das war die Aussage dieses Gefühls, das, und die Erinnerung an die Gelassenheit, die mich in diesem Entscheidungsprozess geführt hatte. Auch in diesem Gespräch (so es denn überhaupt zustande kommt) kann ich mich auf sie besinnen, weshalb auch jede Aussicht auf dieses Gespräch an “Schwere” oder “Lästigkeit” verliert.

Gewissenlosigkeit mir selbst gegenüber

Mai 9, 2008 by Götz

Dass sich dieser Hauptzug jetzt zeigt, hängt wohl auch mit den Entwicklungen der letzten Monate bzw. des letzten Jahres zusammen: Viel Arbeit, unerfreuliche Entwicklungen im Bekanntenkreis, Befürchtungen hinsichtlich M. usw.. Um es zu betonen: ich rede nicht davon, dass diese Dinge die Ursache sind. Eher kommt es mir gerade vor, als habe ich mich auf diese Dinge nur deshalb eingelassen, weil der Hauptzug hier ein Betätigungsfeld suchte. Ich komme jetzt darauf und schreibe im Verangenheitsmodus, weil mir durch diese vergangenen beiden Tage die Rolle jener Gelassenheit auffällt. Genau sie war es nämlich, die während der ganzen Zeit zu kurz kam. Und sie scheint auch der Schlüssel zu dem zu sein, was diese Gewissenlosigkeit ausmacht.

Gewissenlosigkeit zeigt sich mir nämlich gerade so, dass sie eine Reaktion auf die Angst ist, dass Dinge “außer Kontrolle” geraten könnten (Freunde, Finanzen, private Situation). Und um diese Kontrolle zu wahren, muss das Gewissen zurückgestellt werden. Das ist so, weil Kontrolle auf Bewahrung und Verschlossenheit vor dem Unbekannten hinausläuft - das Gewissen ist dagegen völlig anders: es fließt mit dem Lebensfluss mit, folgt ihm, wie bei einem Tanz. Es ist bei oberflächlicher Betrachtung haltlos - aber eben nur, was die äußeren Umstände oder Gegebenheiten angeht. Diese feine Freude, die während der vergangenen Tage aufkam, zeigt mir aber, dass es da in Wirklichkeit doch einen Halt gibt. Einen viel echteren Halt: das Gespür für “mich”. Und dieses Gespür kann nur im Zustand der Gelassenheit aufkommen.

Gewissenlosigkeit bedeutet dann eben nicht, dass ich mich meiner Umwelt gegenüber bösartig oder sonstwie verhalte, sondern sie weist vor Allem auf den Umgang mit mir selbst hin: ich agiere als mein eigener Sklave, anstatt mein eigener Herr zu sein.

Präsenz 09.05.08

Mai 9, 2008 by Götz

Während eine Schülerin Aufgaben löst, sitze ich ganz ruhig da und spüre die leichte Brise, die durch das offene Fenster kommt. War ich eben noch in Erklärungen und anderem Gerede und Getue verstrickt, fällt plötzlich alles von mir ab, und ich fühle mich leicht wie eine Feder. Ich bekomme, so scheint mir, wieder ein Gefühl für die Zeit: ein Moment kann so viel enthalten (wie jetzt gerade) oder auch fast unbemerkt an mir vorüberhuschen (wie vorhin noch).

Erinnerung

Mai 8, 2008 by Götz

Wie sehr dieser Hauptzug “Gewissenlosigkeit” ein bereits uraltes Phänomen ist, konnte ich heute anhand einer kleinen Begebenheit beobachten, bei der ich an die Vergangenheit erinnert wurde:

Im Sportstudio traf ich auf W., ein Bekannter, mit dem ich seinerzeit bei jener uralten Geschichte mit G. ein wenig zu tun hatte, zu dem ich seitdem aber keinerlei Kontakt mehr habe. Eigentlich ist er kein Bekannter, sondern eher ein Unbekannter. Dennoch unterhielten wir uns heute über ein paar Belanglosigkeiten und trennten uns dann wieder. In diesem Moment fiel mir auf, wie anders dieses Gespräch verlief im Vergleich zu früher. Ich erinnerte mich dann für einen kurzen Moment nicht nur mental sondern auch emotional daran, wie es damals gewesen war, als ich in Gesprächen mit W. immer darauf gehofft hatte, dass wir auf G. zu sprechen kämen (W. ist mit G. recht eng befreundet). Es war damals so wie ein Drang, auf diese Weise Macht auszuüben - ohne jegliches Gewissen dahingehend, dass ich damit W. eigentlich nur für meine Zwecke instrumentalisierte. Und nicht nur das: es war damals das Selbstverständlichste der Welt für mich gewesen.

Heute war G. überhaupt kein Thema (auch in mir drin nicht), sondern wir sprachen tatsächlich miteinander - auch wenn es nur um irgendwelches belanglose Zeug ging.

Präsenz 07.05.08 und Gelassenheit

Mai 7, 2008 by Götz

Während der Pause am Vormittag verlasse ich das Gebäude und gehe zu meinem Lieblingsplatz an der Spree. Dort setze ich mich in den Halbschatten und schaue den vorüberfahrenden Schiffen zu. Vor Allem das immerwährende Glucksen der Wellen an der Uferbefestigung, auf der ich sitze, zieht meine Aufmerksamkeit ins Hier und Jetzt. Jegliche Gedankenaktivität fällt von mir und ich spüre einen starken Kraftstrom in mir. Ich verharre dort die gesamte Pause über.

Ich muss dabei auch an die Passage bei Maharshi denken, die ich gerade las: “Gelassenheit, Verwirklichung, alle bedeuten dasselbe. Es heißt auch “Übung und Gelassenheit”. Wieso Übung? Weil die Geistesregungen einmal nachlassen und dann wieder aufleben.

Es ist genau das, was ich in mir verspüre: Gelassenheit. Vor diesem Hintergrund fällt mir auch auf, dass mein gestriger Eintrag viel zu kurz greift. Da versuchte ich nämlich noch, die Gelassenheit zu relativieren, indem ich sie verächtlich auf eine körperliche Befindlichkeit zurückführe. Aber darum geht es ja gar nicht. Es geht nicht um Gründe. Es geht um das Jetzt. Und diese Passage aus dem Buch verweist auch auf das Unvermeidliche: Auf das Wiederaufleben der Geistesaktivität. Indem ich aber Pausen davon bewusst wahrnehme, mich in gewisser Weise auch nach ihnen ausrichte, verliert sie ihre Macht.